Großstädtetagung Duisburg 2015

Arbeitskreis der großstädtischen Volkshochschulen tagte in Duisburg zum Thema „Digitale Bildung“

„Bildung 4.0 – Wie digital ist die Zukunft der Volkshochschulen?“ – lautet das Thema der Tagung der Leiterinnen und Leiter der großstädtischen Volkshochschulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vom 25. bis zum 27. November 2015 in der VHS Duisburg. Traditionell hatte die gastgebende Volkshochschule in Absprache mit den Sprecherinnen des Arbeitskreises das Tagungsprogramm zusammengestellt. Am ersten Tag hatten die Gastgeber führende Wissenschaftler zum Thema „Digitale Bildung“ von der Universität Duisburg-Essen eingeladen.

Prof. Dr. Nicole Krämer

In Ihrem Vortrag „Digitale Bildung für jeden? Do`s und Don`ts im Rahmen der Digitalisierung in der Weiterbildung“ stellte die Sozialpsychologin Prof. Dr. Nicole Krämer, deren Forschungsschwerpunkt die Mensch-Technik-Interaktion ist, die aktuellen Forschungsergebnisse für ein Gelingen von Digitaler Bildung vor und zeigt auf, was zu tun ist, damit diese auch tatsächlich möglichste Alle erreicht.

Nach einem Überblick über die heutige Medienlandschaft und wie Menschen heute Medien und neue Technologien nutzen, wandte sie sich den Bedarfen der Teilnehmenden und der Kursleitenden zu. Als Konsequenz daraus ergibt sich eine besondere Rolle der Kursleitenden, die die neuen Technologien sinnvoll in ihre Kurskonzepte einbinden müssen. Nur die Inhalte Online zu stellen reicht definitiv nicht aus. Ohne eine sinnvolle Integration in das Kurskonzept werden sie sonst von den Teilnehmenden nicht genutzt.

Prof. Dr. Nicole Krämer

Der Einsatz neuer Medien allein bringt Bildungsferne auch nicht näher an Bildungsangebote heran. Sie können aber die Teilhabe an Bildung vereinfachen, beispielsweise durch den Einsatz von Videos für Menschen mit Problemen mit der Schriftsprache, und durch Entertainment-Elemente, die die Motivation steigern, die Lernplattform zu besuchen.

In ihrem Ausblick stellt Prof. Dr. Krämer fest, dass die Neuen Medien nicht wieder verschwinden werden und die Nutzung im Alltag immer selbstverständlicher werden wird. Folglich werden Teilnehmende auch zunehmend die Nutzung im Bildungskontext erwarten. Dazu müssen aber die Kursleitenden sinnvolle didaktische Konzepte zur Einbindung kooperativer Social-Media-Elemente entwickeln. Die Aufgabe der Volkshochschulen wird dabei  in erster Linie in der Schulung und Motivation der Kursleitenden sein.

Vortrag „Digitale Bildung für jeden? Do`s und Don`ts im Rahmen der Digitalisierung in der Weiterbildung“

Prof. Dr. Michael Kerres

Prof. Dr. Michael Kerres, Inhaber des Lehrstuhls für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen, hat in seinem Vortrag zum Thema „Bildung 4.0 – Wie digital ist die Zukunft der Volkshochschulen“ den aktuellen Stand der Diskussion dargelegt. Über seinem Vortrag standen die Fragen: „Ist die Digitalisierung ein Heilsbringer oder eher eine Bedrohung?“ und „Sind die neuen Medien besser als der traditionelle Unterricht?“

Die Antwort mag den Einen oder die Andere überrascht haben: „Weder das Eine noch das Andere!“ Nach unzähligen Metastudien und Meta-Metastudien seien kaum signifikante Unterschiede festzustellen, berichtete Kerres den Leiterinnen und Leitern der großstädtischen Volkshochschulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Prof. Dr. Michael Kerres

„E-Learning führt nicht als solches zu besserem Lernen“, sagte er wörtlich und unterstrich: „Das ist die nackte Wahrheit!“  Die neuen Medien ersetzen nicht den traditionellen Unterricht, sie ermöglichten es, das Lernen und Lehren methodisch und  didaktisch anderes zu arrangieren. Die Ergebnisse der vielen Studien zeigen, dass der Lernerfolg nicht von den Medien abhänge, dass Motivationseffekte nur kurzfristig greifen und dass eine Kosteneffizienz neuer Medien sehr selten dokumentiert wurde. Diese böten aber die Möglichkeit Bildungsangebote flexibler, vielfältiger und schneller zu gestalten. Sie erlauben selbstgesteuertes und kooperatives Lernen, das sich an Problemen beziehungsweise Projekte orientiert.

Wer die neuen Möglichkeiten ausschöpfen möchte, sieht sich komplexen konzeptionellen Anforderungen gegenübergestellt. Die Digitalisierung ist durchgängig, sie zieht sich durch alle Lebensbereiche. Der Seminarraum wird digitaler, der virtuelle Raum sozialer. Die Entwicklung geht vom Kurs in den Diskurs.

Vortrag „Bildung 4.0 – Wie digital ist die Zukunft der Volkshochschulen“

Stefan Will und Harmut Scholl

Weil der für den zweiten Tag eingeladene Referent Jöran Muuß-Merholz kurzfristig abgesagt hatte, mussten das Tagungsprogramm ad hoc sinnvoll verändert werden. Glücklicherweise erklärte sich Stefan Will von der VHS Landkreis Fulda, der aber ab 1. Januar 2016 zum DVV wechselt, um dort die Verbandsstrategie „Erweiterte Lernwelten“ umzusetzen, die Lücke zu füllen. Ihm war es wichtig, in seinem Vortrag herauszustellen, dass die Strategie „Erweiterte Lernwelten“ viel mehr ist als ein neues methodisch-didaktisches Konzept. Es sieht darin eine „Organisationsentwicklungsaufgabe“. Anhand vieler praktischer Beispiele zeigte er wie die Digitalisierung alles Lebensbereiche des Menschen durchdringt und viele als unumstößlich geltenden Säulen des menschlichen Zusammenlebens ins Wanken bringt. In diesem Kontext müsse man die Erweiterten Lernwelten betrachten. Es gehe dabei nicht um ein entweder analoger Präsenzunterricht oder digitale Lerninhalte, sondern um die intelligente Verbindung beider Seiten zum größtmöglichen Nutzen für die Lernenden.

Stefan Will und Harmut Scholl

Die durch die Absage entstandene Lücke wurde zusätzlich mit einem Vortrag von Hartmut Scholl, Vorstandsvorsitzender der Reflact AG, sinnvoll gefüllt. Er erläuterte zunächst den Begriff Bildung 4.0, der in Anlehnung an die arbeits- und wirtschaftspolitischen Themen im Zuge der Digitalisierung – Industrie 4.0/Arbeit 4.0 – geschaffen wurde.

Dabei steht nicht die digitalisierte Technik, wie beispielsweise internetbasiertes Unterrichtsmaterial, im Vordergrund, sondern der Mensch. Es geht nicht darum, ob analog oder digital besser ist, sondern darum, wie ein festgesetztes Ziel bestmöglich erreicht werden kann. Hierbei bietet die digitale Bildung die Möglichkeit, individuell, flexibel und maßgeschneidert Kompetenzen zu vermitteln, Erfahrungen einzubauen sowie Arbeit und Bildung zu integrieren.

Das setzt aber voraus, dass die ganze Bandbreite digitaler Lernwelten bekannt ist und auf Grundlage kluger und reflektierender Konzepte eingesetzt werden kann. Gerade die Methodenvielfalt bedarf einer Gesamtdramaturgie mit hoher Qualität und sinnvoller Verzahnung einzelner Komponenten – online und vor Ort.

Aus Sicht von Unternehmen heißt dies sowohl für Anbieter als auch für Nachfrager, dass altbekannte Methoden der Personalentwicklung  überdacht werden sollten, was aber nur bei entsprechender Veränderungswilligkeit und -fähigkeit des Unternehmens funktioniert. Die dazu notwendige produktive Energie ist kein Zufallsprodukt, sondern muss in der Organisation strategisch und mit entsprechenden Ressourcen verankert sein. Genauso wichtig ist es, von Anfang an alle Beschäftigten an diesem Prozess zu beteiligen und im Idealfall durch transformationale Führung zu motivieren – „win the princess“. Es gilt, die Veränderungsbereitschaft zu fördern, beispielsweise durch die Förderung der Potenziale (Talente), das Wissen „wo die Reise hingeht“, Kompetenzaufbau als integrativen Bestandteil des Veränderungsprozesses.

Am Ende seines Vortrags kam Hartmut Scholl zu dem Ergebnis, dass der Weg zu Bildung 4.0 nur als Veränderungsprozess der gesamten Organisation funktionieren kann.

Vortrag Stefan Will zur Verbandsstrategie „Erweiterte Lernwelten“

Vortrag "Bildung 4.0" von Hartmut Scholl von der reflact AG

Rechtsanwalt Dr. Ralph Oliver Graef

Nachdem im weiteren Verlauf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Herbsttagung der großstädtischen Volkshochschulen in vier Workshops verschiedene Fragestellungen rund um die Digitalisierung der Bildung näher erörtert hatten, hat am Nachmittag der Hamburger Fachanwalt für Medien- und Urheberrecht Dr. Ralph Oliver Graef einen Vortrag zu verschiedenen rechtlichen Fragen bei der digitalen Bereitstellung von Lehr- und Informationsinhalten gehalten. Dabei umriss er die zentralen juristischen Regelungen, die dabei zu beachten sind. Er ging dabei auf die Punkte Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Rechte am eigenen Bild und am eigenen Namen, Internetrecht sowie Datenschutz ein. Anhand zahlreicher Fallbeispiele erklärte er die relevanten Paragraphen, und steckte ihre  möglichen Spielräume ab.

Als wesentlichen Grundsatz stellte er heraus, dass viele der rechtlichen Grundlagen der analogen Welt in der digitalen Welt identisch anzuwenden sind. Er betonte auch, dass medienrechtliche Fragen von Gerichten bundesweit oft unterschiedlich bewertet werden. In Konsequenz lassen sich nicht immer eindeutigen Antworten geben.